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Vermutlich gibt es kein Klischee, mit dem die KSR nicht schon belegt wurde.
Die meisten sind eher unfreundlich. Und die meisten stimmen.
Was auf jeden Fall stimmt: Die Road ist ein Paradies für Voyeure.
Lieblingsbeschäftigung vieler Besucher ist zu sitzen und zu sehen.
Entsprechend sind die Plätze mit guter Sicht auf die Road praktisch
immer und überall besetzt. - Auch wenn im hinteren Teil des Etablissements
gähnende Leere herrscht (trotz oder wegen der gähnend langweiligen
Hollywoodschinken, die auf übergroßen Bildschirmen flimmern). Die Menschen
auf der Road sind live allemal interessanter als Tom Hanks aus der Konserve.
Die meisten Westler, die hier hergekommen sind um das "wahre Asien
zu erleben" (was immer das sein mag), achten zumeist nicht
sonderlich auf Asiaten. Die meisten Thais gehen eher unauffällig ihrer
Arbeit nach: Touristen mit Überflüssigem und Flüssigem zu versorgen.
Ein paar Typen fallen auf. Etwa der verhutzelte Hängemattenverkäufer,
"Ibruahim the Hammockman". Nicht Wenige - auch der Autor dieses
Textes, inzwischen etwas schlauer - sind dem Irrtum aufgesessen, das
ausgemergelte Kerlchen sei ein ganz armer Hund. Tatsächlich ist Ibruahim
einer der Großverdiener auf der Road. Er verkauft 10 bis 15 Hängematten
am Tag, das Stück zu etwa 100 Baht. Seine Frau knüpft die Matten, das
Material ist spottbillig. - Tagesverdienst mindestens 20 Euro. -
Ordentliches Einkommen in Thailand.
Die Voyeure aus dem Okzident sehen allerdings nicht die ökonomischen
Hintergründe des Geschäftes, sondern Ibruahims Zahnlücken, seinen
rappeldürren Körper, den ledrige Haut zusammenhält.
Auch Akhafrauen fallen auf, die abends auf der Road voll aufgerüstet mit ihrer
Landestracht Schmuck, Kunstgewerbe und Kitsch im Bauchladen feilbieten.
Sie fallen zwar nicht als Individuen, wohl aber als Institution auf.
Die Tracht wirkt nicht nur deplatziert, sie ist es auch: Für die eher
kühlen Berge des Nordens geschneidert sind die Klamotten in Bangkok
einfach zu warm. Die Silberhaube, sozusagen das Markenzeichen der Akha,
sorgt auch nicht unbedingt für einen kühlen Kopf. - Weshalb die Frauen
die Silberhauben gerne vom Kopf weg verkaufen.
Spannender finden die Meisten aber, andere Touris anzuschauen. Die KSR
ist allemal lohnender als andere Straßen auf der Erde. Mehr und buntere bunte Vögel
auf einem Haufen findet man selten.
Dass inzwischen sogar Sightseeingtouren zur KSR angeboten werden, sollte
daher niemanden überraschen. Als etwas absurde Folge beobachten daher Beobachter
andere Beobachter beim Beobachten und werden ihrerseits beim Beobachten
beobachtet.
Besonders lustig ist es, wenn eine Besuchergruppe aus den besseren und
teuren Touristenvierteln und -hotels einen Ausflug zum vermeintlichen
Freakzoo wagt und ihrerseits munter begafft wird:
Tuk-Tuk-Driver, sonst nicht gerade zimperlich, wenn es gilt, Touristen
abends auf der Khao-San-Road in Bangkok eine Fahrt zu einem - nennen
wir's mal "Nightclub" - aufzuschwatzen, wissen mit dieser
speziellen Touristengruppe nichts anzufangen.
Etwa der melierten Dame unter der Hand und ganz im Vertrauen die
abgegriffenen Bilder von drahtigen Thaiboys zeigen? Oder ihrem Begleiter (tip-top
gebügeltes, weißes Hemd) den Geheimtipp mit den "Young Ladys"
anvertrauen? (Übrigens ist der Tipp nicht wirklich geheim, er wird jeden
Abend ganzen Hundertschaften ins Ohr geflüstert, - aber die Ladys sind
schließlich auch keine "Ladys".)
Seit etwa einer Viertelstunde steht die Gruppe noch unschlüssiger als
die Tuk-Tuk-Lenker am scheinbar sicheren Ende der Road (dem mit
der Police - Station) herum. Vier Herren mit weißem Hemd, beige
Bundfaltenhosen, ein gelbes Hemd, ein Polo dunkelblau, eines Khaki. Die
Damen wagen Farben. Einige jedenfalls.
Was würde die Gruppe bewegen? Welches Initial fehlt? Ich warte.
Ghettobildung: Die Gruppe rückt näher zusammen. Die Tuk-Tuk-Driver haben
inzwischen festgestellt, das hier keine Kunden stehen, trotzdem die Gruppe
hier in jedem Wortsinn deplatziert ist und vermutlich eine Ortsveränderung
herbeisehnt. Aber bitte nicht im Tuk-Tuk (man liest soviel Schlimmes über
diese Fahrzeuge und ihre Fahrer...)
Mein Notizblock liegt auf einem Warencontainer, in dem T-Shirts lagern.
Eine Thai bittet mich Platz zu machen, damit sie in den T-Shirts kramen
kann. Ich hole mir eine Cola, und nehme den Platz an meinem Schreibpult
wieder ein um zu schreiben und zu beobachten.
Sie fühlen sich sichtlich unbehaglich und rücken stetig näher zusammen.
Nach den Tuk-Tuk-Lenkern zündet Stufe 2: Akhafrauen! - Die sind
bekanntlich hartnäckiger als ihre Vorgänger. Erst kommt eine, dann eine
zweite, plötzlich sind es etwa zehn. Ich male mir aus, was
gerade in den Köpfen der Frauen vom Volk der Akha aus dem Norden
Thailands vorgeht:
"Diese Farangs sehen aus als hätten sie viel mehr Geld als die
Studenten, Hippies und Geizkragen zusammen, die sich überlicherweise auf
der Khao-San herumtreiben und kaufen vermutlich Alles!"
- Tun sie aber nicht. Einer der Herren fuchtelt wirr mit den Armen, als
wolle er einen Schwarm lästiger Insekten vertreiben.
Zwei Cola, eine Falafel und etliche Buchstaben später: Ein Bus hält am Kopf der
Road.
Ein großer, gestylter, gutaussehender Thai (wo kommt der auf einmal her,
aus dem Bus ist der nicht gestiegen) winkt die
Gruppe in den Bus. Die verschwindet fast mit Lichtgeschwindigkeit im
sicheren Inneren des Fahrzeuges.
Wie fühlt es sich an, wenn Gruppen fremder Menschen in den
natürlichen Lebensraum eindringen und einen - erstaunt über soviel
Exotik - angaffen?
Das spricht immerhin für die KSR: Hier können notorische
Eindringlinge und Gaffer diese Erfahrung selbst machen: Wenn mal wieder
eine Gruppe älterer Herrschaften aus dem Oriental oder Royal Orchid eine
abendliche Sightseeingtour durch Bangkok gebucht hat.
Ebenfalls kann der geneigte Billigtraveller dann ein wenig von der
Arroganz Einheimischer nachempfinden, mit dem die sich moralisch gegen den
Tourismus rüsten.
Die KSR ist schließlich nicht Asien der Thailand, sondern heimisches
Territorium. Der angestammte Lebensraum des Travellers sozusagen. - Aber
das ist auch wieder so ein Klischee.
Fahrt zum Abzocker-Juwelier

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