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Reisefieber: die Reisegeschichten
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"Die Biogenetische Grundregel gilt auch für den homo touristicus thailandiensis. Nach dieser Regel rekapituliert die Ontogenese die Phylogenese, was auf Deutsch bedeutet, die Entwicklung des Einzelnen spiegelt die der gesamten Art." Horst kennt sich damit aus. Ein langes Berufsleben als Lehrer hat er verstockten Biologie – Grundkurslern derlei Lehrsätze ins Hirn gequetscht. Jetzt ist er pensioniert und verjubelt, wie er sagt, das Erbe seiner Kinder auf Ko Samui. Im dritten Jahrtausend rümpft er die Nase über seinen einfachen Holzbungalow für 400 Baht am Meanam Beach: "eine Nacht oder zwei vielleicht, aber mehr muss in so einer Bude nicht sein, dann hätte ich’s gern gepflegter. Die Bandscheiben..." Lange muss er nicht in der schlichten Behausung ausharren, denn in ein paar Tagen ist der schicke Neubau bezugsbereit. Darin werden Horst und seine Frau Magda den Rest des Winters residieren. Die erste Hütte auf Samui hatten sie irgendwann in den Siebzigern bezogen. "’Hütte’ kannst Du das morsche Palmengeflecht gar nicht nennen. Löchriges Dach, kein Strom und kein Bad. Aber das brauchten wir damals auch nicht, so nah am Meer." Süßwasser brachten nicht wie heute blaue Plasterohre, sondern der Wasserverkäufer kanisterweise, - einmal am Tag. Wenn der Mal nicht kam, was nicht unüblich war, dann musste Horst einen leeren Kanister schultern und wandern. Wanderzwang bestand ohnehin. Kneipen existierten noch nicht am Strand von Meanam. Die nächste Garküche war etwa eine Stunde entfernt, behauptet Horst. Magda meint, ihr Mann dramatisiere: "40 Minuten, mehr nicht." Gegen die allgegenwärtigen Ratten legte Horst mit Krumen von Lebensmitteln eine Spur zur Nachbarhütte, gerade noch in Sichtweite. Dort wohnte ein schwules Paar aus Kanada, das bereits am frühen Morgen am Strand anal verkehrte, was Magda und Horst nicht wirklich zu schätzen wussten. Dass erst die Ratten den Reiskrümeln und danach die Schlangen den Ratten zum Gayclub folgten, schadenfreut Horst noch Jahrzehnte später. Wenn die Hütten zu altersschwach waren und zu viel Ungeziefer beherbergten, dann wurden sie eben abgefackelt. Falls dabei nicht der gesamte Palmenwald Samuis in Flammen aufging, stand etwas weiter wenige Stunden später eine neue Hütte, errichtet in windiger Schnellbauweise. Nicht nur Erfahrungen mit der Behausung vor über 30 Jahren, auch solche mit der Anreise in den Süden Thailands zu jener Zeit bieten heute Stoff für genüssliche Schilderungen. Empört verbreiten Reiseberichterstatter im 3. Jahrtausend ihre vermeintliche Horrorerlebnisse in Suratthani, der großen Touristendrehscheibe im Süden Thailands: "wie schrecklich, wir mussten dort geschlagene 4 Stunden auf den nächsten Bus oder die Fähre warten!" oder: "die ließen uns nur weiter fahren, wenn wir 200 Baht extra zahlten" oder: "die haben uns nicht in den Luxusbus gesteckt, den wir bezahlt hatten, sondern in eine Klapperkiste der untersten Kategorie und wir wurden ganz, ganz schlimm durch geschüttelt!" "Mir kommen die Tränen des Mitleids, wenn ich die Weicheier heute höre!" meint Horst belustigt, "wir wären damals froh gewesen, hätte es in Surrathani überhaupt ein Reisebüro gegeben, das uns hätte bescheißen können!" Gab es natürlich nicht. Mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken irrten die paar Traveller, die sich in den Süden Thailands wagten, kreuz und quer durch entlegene Orte, auf der Suche nach einem Busterminal. "Natürlich haben wir dort stundenlang gewartet. Das gehörte dazu. Natürlich bist Du in der letzten Klapperkiste gefahren. Und meistens fuhr die Kutsche irgendwo hin, wohin Du überhaupt nicht wolltest, weil irgendwer irgendwas falsch verstanden hatte. Immerhin, wir mussten nicht latschen." Um auf eine Insel zu gelangen, mussten sie zunächst ein Fischerdorf aufsuchen und dort einen Bootsführer solange bequatschen und mit Bahtscheinen füttern, bis der sie auf einem Longtailer übersetzte. "3 Tage. Solange waren wir mindestens unterwegs von Bangkok nach Samui oder nach Phuket. Wir fuhren manchmal in Schrittgeschwindigkeit über ungeteerte Schlammpisten. Dazwischen endlose Warterei. Das geht heute ungleich schneller und bequemer. Die Leute sollen nicht jammern, wenn mal was nicht wie am Schnürchen klappt und sie ein paar Stunden ihres kostbaren Urlaubs in der Warteschleife hängen." Ein einziges Mühsal, diese Reiserei in den frühen Jahren. Und dann Langeweile. Null Unterhaltungsprogramm. Du konntest den Wellen dabei zusehen, wie sie an den Strand schwappen (oder eben dem schwulen Paar bei der Liebe). Das erträgt nur, wer sich nie fragt, was man heute so macht und wen Beschäftigungslosigkeit und Planlosigkeit nicht zermürben. "Zum Glück haben wir das erlebt". Horst sieht seine Frau verliebt an, als er das sagt, und für einen Moment versinken die beiden in den Erinnerungen an ein unerreichbar weit entferntes Land. Magda kommt als erste wieder in einer Touristenkneipe auf Ko Samui von 2006 an und lacht: "Opa erzählt vom Krieg!" Heute durchqueren sie Thailand mit einem klimatisierten Mietwagen oder sie buchen einen Inlandsflug. Das schlichte hölzerne Ausweichquartier, pures Gold, verglichen mit den sehnsüchtig verklärten Hütten der frühen Jahre, lassen sie sich nur wenige Tage gefallen. Der Neubau hat eine Küche, eine geräumige Nasszelle, einen DSL-Anschluß und eine Satellitenschüssel, die deutsches TV einfängt. "Fast wie daheim", resümiert Magda die Beschreibung ihres neuen Heimes auf Samui. Ich glaube, Ironie heraus zu hören. |
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Jürgen Scholz wünscht Gute Reise! |